Gedanken

Yes, as the heading may suggest, this page will be mostly in German. Whats coming up is a collection of random thoughts, things that crossed my mind and which I found worth writing down and elaborating on. No specific topic, just fragments of the everlasting stream of consciousness in - hopefully - human readable, sorted form. And as speaking or writing in a non-native language is rather hindering than helpful, i will use my mother tongue here. There's nothing more frustrating than recognizing that you lost your thread of thoughts just because you stopped in search of a single word you don't know.

8.7.2003 -Und wieder sind schöne Tage!

Nein, ich meine nicht den Sommer, auch wenn dieser (wenn er mal zufällig hier vorbeisieht) auch sehr schön sein kann. Nein, was ich schön finde, ist alleine die Tatsache, dass ich (und viele Leute aus einer meiner Szenen) endlich wieder ein bis zwei Monate bei dieser Hitze im Astbestanzug durch die Welt tapsen dürfen, sollten wir jene überstehen wollen. Und warum? Nun ja, wie immer - die Hexenjagd mit feierlicher Gruftiverbrennung ist wieder einmal ausgerufen worden! Jippie!

Und dabei hat es dieses jüngste Opfer der Gesellschaft und seiner eigenen Perspektivlosigkeit diesmal nicht einmal geschafft, seinen Amoklauf auch nur ansatzweise sinnvoll durchzuziehen. Gerade mal eine Schwerverletzte und dann noch knapp er selbst, nein, nein, also Klebold, Harris und Steinhäuser würden sich im Grabe umdrehen, so was inkompetentes auch.

Im Ernst - es ist toll zu beobachten, wie im Moment die Medien sich ausgehungert durchs Sommerloch (und die Unfähigkeit der USA, ihren Weltherrschaftsplan zügig durchzuziehen) auf diesen armen Jungen aus... sonstwo stürzen, der nicht nur der Armseligkeit seines eigenen Daseins sondern auch seiner Unzufriedenheit mit der Ignoranz all seiner Mitmenschen auf diese etwas krasse Weise “Erschießen” Ausdruck verleihen wollte. Und natürlich ist das allerwichtigste dabei, dass er seit ein paar Monaten schwarze Kleidung trug (*schluck*), sich schwarz schminkte (schwul?) und mit dieser kompletten satanistischen “Gottik”(danke Spiegel)-Szene (seiner Freundin) auf dem Friedhof satanische Messen (Vampire-Live und LARP-Waffen-Schaukämpfe) abhielt und böse satanische Musik (Slipknot, man hört ja auch seit Jahren nichts anderes mehr auf schwarzen Parties) konsumierte! Eltern, haltet Eure Kinder fest! Die Seuche grassiert! Es könnte auch EUCH treffen!

Mittlerweile las irgendwo in der Nähe von Los Angeles ein Mensch namens Brian die Zeitung und weinte bitterlich ob der Tatsache, dass er selbst nach einer Woche intensivst recherchierter Berichterstattung noch nirgendwo erwähnt wurde.

Zurück in Hamburg jedoch sah sich der Autor dieses Textes diverse Fernsehberichte zu dem Thema an, bemerkte irgendwann, dass aus irgend einem Grund sogar all die anderen kleinen (wesentlich wichtigeren) Fakten, die zu dieser Tat geführt haben, gut versteckt in Nebensätzen erwähnt wurden, ohne auch nur im Geringsten einen Schluss draus zu ziehen... Und wusste nicht wirklich, ob er nun lachen, weinen oder kotzen sollte, oder einfach die Schultern zucken und die Gesellschaft ein wenig mehr verachten als zuvor.

Denn wenn man all diese anderen kleinen Tatsachen zusammenlegt, all diese winzigen Parallelchen sowohl zu Columbine als auch zu Erfurt, kriegt man mehr als genug Material zusammen, das für einen Amoklauf reichen würde. Die Gothicszene bräuchte man gar nicht dafür.

Punkt eins, also known as der Punkt, den weder die NRA noch das versammelte Deutschtümel-tum hierzulande hören möchten: All diese Jugendlichen hatten mehr oder weniger freien Zugang zu Schusswaffen. Ja ja, ich weiß, eine Pistole tötet von alleine keine Menschen, aber mal ehrlich: Genau DAS ist der Zweck, zu dem sie gebaut wurde. So ein Teil erfüllt keine andere auch nur ansatzweise sinnvolle Funktion. Und ganz davon abgesehen ist es die Möglichkeit, Menschen zu töten, ohne sich die Hände dabei schmutzig zu machen oder gar körperlichen Einsatz leisten zu müssen. Um ein Messer in einen Menschen zu rammen, muss man ihm nahe kommen. Wenn man nicht gerade ein völlig asoziales Arschloch ist (und das war eigentlich keiner dieser ganzen Schulmörder), muss man die ganze Zeit eine enorme Willenskraft an den Tag legen, um so etwas wirklich durchzuziehen. Es dauert so lange, dass man sogar anfangen könnte, Zweifel an seiner Tat zu hegen... nicht so bei einer Schusswaffe. Man ist weit weg, man muss nur den Hebel umlegen und kann danach sofort wegsehen. Ja, es ist ein wenig wie im Fernsehen oder wie in diesen ganzen bösen Computerspielen, wenn man es sich nur fest genug einbildet; man drückt auf einen Knopf und vor einem fällt etwas um. Hemmungen? Wozu? Man ist doch sicher, sein Opfer ist viel zu weit weg, um sich tatsächlich zu wehren.

Aber nein, natürlich hat jeder US-Bürger ein Recht auf Verteidigung inklusive Kollateralschäden - und Schützenvereine sind gutes arisc... deutsches Brauchtum. Es gibt hier nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter.

Weiter also zu Punkt 2, dem wohl größten Problem. Gehen wir doch mal davon aus, man sei ein Jugendlicher, der nicht nur nicht “normal” ist (was immer das heißen will), sondern es auch nie geschafft hat, daraus etwas besonderes zu machen - also immer wunderbar von allen gemobbt, gehänselt und untergebuttert wird. Und jetzt suchen wir mal eine Person, die zumindest so tut, als würde sie sich ansatzweise für einen interessieren...

... Fehlanzeige. Der Familie ist man sowieso egal (schließlich hat doch die Schule einen “Erziehungsauftrag”, und das Fernsehen erst), und in der Schule? Lehrer sind seit Jahren völlig überfordert oder aber desinteressiert. Ich kann davon ein lustiges kleines Lied singen, seit einmal bei einer Rauferei in der achten Klasse mein Knie aus Versehen und dämlicherweise die Weichteile meines mich gerade im Schwitzkasten haltenden Gegners traf. Das beendete den Kampf vermutlich schnell zu meinen Gunsten, aber nein, so wollte ich eigentlich nicht gewinnen. Er verschwand gekrümmt schnell im Getümmel, mich plagte ein wenig ein schlechtes Gewissen, und als ich irgendwann eine Krankenwagensirene vor der Schultür hörte, drehte sich mein Magen gepflegt so um, wie er nur konnte.

Für mich, für ihn und für die Umstehenden war die Sache eigentlich klar: Es war ein sehr unglücklicher Unfall, es ist langfristig nichts passiert und nichts mehr. Nicht jedoch so für das werte Kollegium. Das Lehrerzimmer spaltete sich in zwei Lager: Die ersten verurteilten mich sofort und ließen mich ihre Verachtung durch Blicke oder Worte spüren, und die anderen... ja, die witterten endlich ihre Chance, ihr in tagelangen VHS-Kursen mühsames Erziehungswissen und ihr Buch “Der kleine Pädagoge” vom obersten Regal zu kramen, und mit einem geradezu rührenden Ausmaß an Einfühlungsvermögen zu versuchen, mich verlorene Seele noch zu retten, mir vorsichtig klarzumachen, dass ein solches Verhalten doch schädigend ist - und mir teilweise noch erklären zu wollen, wozu das, was ich da fast kaputtgemacht hätte, überhaupt da ist. DANKE. Und natürlich kam ich irgendwann nach Hause, nur um zu erkennen, dass meine Mutter schon “blendend informiert” war, und jedes kleinste Detail wusste, das das Hirn eines gelangweilten Lehrers halt über ein Ereignis ausspucken konnte, dem er nicht beigewohnt hatte. Immerhin glaubte sie mir nach diversen Minuten Erklärung.

Und meine Schule war fachlich und menschlich eigentlich wirklich hervorragend.

Denken wir uns jetzt allerdings mal so etwas in öfter und schlimmer, ohne dass einem irgendjemand letztendlich doch zugehört hätte. Denken wir uns einmal, wir selbst hätten nie in unserem Leben irgendwann einmal Aufmerksamkeit erhalten, wenn es wirklich wichtig gewesen wäre. Denken wir uns, dass die einzigen Dinge, die bei uns für den Aufbau eines Wertesystems zuständig waren, erstens die Gesellschaft und ihre Botschaft “Füge dich ins Getriebe ein oder werde zwischen den Rädern zerquetscht” und zweitens das Fernsehen mit “Je mehr du kaufst, desto wertvoller bist du als Mensch” bzw. “Aufmerksamkeit ist alles. Sensation ist alles. Je krasser und schlimmer Dein Auftritt auf der Bühne des Lebens ist, desto größer wird das Publikum sein” gewesen wären.

Wenn man in dieser Situation noch ein wenig Hirn und Selbstachtung besitzt, wird man früher oder später anfangen, die Menschheit um einen herum zu hassen. Alle anderen Menschen rennen Idealen nach, die man selbst so keineswegs teilt, und sie haben absolut keine Probleme damit, einen auf diesem Weg achtlos zur Seite zu schubsen oder umzurennen. Und man fängt an, sich zu überlegen, wie man aus einer solchen Situation hinauskommt.

Dies kann ein totaler Rückzug in die Einsamkeit sein. Dies kann der Moment sein, in dem man endlich die Kurve kriegt und sich einfach mal die letzten sinnvollen zwei bis drei Leute aus seinem Bekanntenkreis pickt und von da aus irgendetwas aus seinem Leben macht. Dies kann jedoch auch ohne Probleme der Moment sein, in dem man dieser Welt Lebewohl sagt, nicht ohne aber sich selbst ein Denkmal zu setzen, sich seine 15 minutes of fame auf genau die Weise zu holen, die einem die Medien (und damit die dahinter stehende Gesellschaft) jahrelang vorgebetet haben. Zum allerersten Mal werden die Menschen um einen herum (und noch so viele mehr) einen bemerken, und sie werden ihre Ignoranz im letzten Moment ihres Lebens bitter bereuen. He, und Papa hat zwei Pistolen in seinem Tresor, das ist wie im Fernsehen!

Wozu man dazu wild auf dem Friedhof mit Schaumstoffkatanas kopulierende satanistische Negernazinuttengruftis braucht? Ich weiß es selbst nicht. Hunderte von Menschen haben in der Vergangenheit aus einer ähnlichen Situation heraus großes Unglück über ihre Umgebung gebracht, und sie mussten sich nicht einmal dafür die Fingernägel schwarz lackieren.

Warum dann seit drei Jahren alle coltschwingenden Freizeitpsychopathen in schwarzen Klamotten rumlaufen? Weil sie es endlich können. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften der schwarzen Szene ist die offene Negation all dieser inakzeptablen Seiten der westlichen Gesellschaft. Schwarz statt bunt: Fernseher aus statt Werbung. Bleiche Gesichter statt Ballermannbräune. Fantasievolle Kleidung statt Adidas. Musik mit Inhalt statt Bohlen. Denken statt denken lassen. Mystik statt Hochglanzpapier. Und der liebe Satan? Der paßt (auch wenn mich einige Hardcoreverleugner jetzt hassen werden) doch wunderbar hinein. Denn was ist Satan anderes als “Der Ankläger”, die Negation Gottes, der Widersacher der christlichen Religion. Wenn man mal die fünf wirklichen Jungfrauenopferer pro Bundesland wegläßt, tut doch z.B. LaVey nichts anderes, als diesem “Gegner” der Kirche (und damit wieder einmal in großen Teilen der Gesellschaft) eine Stimme zu verleihen und ihn all das aussprechen zu lassen, was man sich eh schon dachte. Und dass man im zweiten Teil des Buches (willige und/oder bekiffte Mitstreiterinnen vorausgesetzt) eine komplett nackte Frau auf einem Altar gen Norden ficken darf, während alle Freunde zusehen müssen, ist doch definitiv auch toll.

Insofern ist die schwarze Szene, sind Friedhofsmessen, sind Slipknot und Manson nichts weiter als Ausdrucksformen. Tonnen “moralisch wertvoller” Menschen lesen die Booklets dieser ganzen Alben und verfluchen das dort verspritzte Gedankengift, das auf die eigene Nachkommenschaft herunterregnet, und das ohne schlechtes Gewissen. Wie hätten sie denn auch wissen sollen, dass diese Songtexte, diese Bücher und diese seltsam schwarz gekleideten Menschen genau die Gedanken ihres Kindes wiederspiegelten - schließlich haben sie ihm nicht ein Mal zugehört. Vermessen verurteilen sie Bands wie Slipknot und sind doch eigentlich genau die Sorte Mensch, die zu den Songtexten geführt haben.

Aber mal ernsthaft - wer würde sich wirklich dazu herablassen, einen Song wie “People = Shit” zu hinterfragen, wenn herauskommen könnte, dass sie damit RECHT hätten? Dass es wirklich gültige Blickwinkel gibt, aus denen man selbst, ja, als Mensch scheiße ist?

Die Szene teilt sich da ein deprimierendes Detail mit jedem anderen ernsthaften Provokateur - man will doch nur andere Leute zum Nachdenken anregen, und das einzige was passiert, ist dass sich diese Leute hinter einem Schleier von “besser, denn normal”-Fühlen verstecken und die Provokation, lat. für “Herausforderung”, nicht als solche sondern nur als Affront verstehen, um ja keinen Zentimeter vom eigenen Weltbild abrücken zu müssen.

Chancen, das langfristig zu verändern? Vermutlich nicht. Es ist schon schwer genug, einzelne Leute in ihren Vorurteilen zu ändern, aber die Massen? Dazu müsste man erst einmal die Medien so weit bringen, “xxx ist gar nicht so schlimm” als nachrichtenwürdig zu erachten (wenn unser xxx keine Seuche oder Naturkatastrophe ist, oder eventuell Pommes), und um das zu schaffen, wären so große Umwürfe in unserer Gesellschaftsstruktur nötig, dass man das Ursprungsproblem vermutlich gar nicht mehr hätte.

Und immerhin - wenn ab jetzt nach jedem schwarzgewandeten Schulmörder die komplette schwarze Szene in Asbestanzügen rumläuft, bis das nächste übel des Monats ankommt, dann kann man doch sagen, dass zumindest ein paar Leute etwas aus Littleton, Erfurt oder Coburg gelernt haben, oder?

11.12.2002 - Inkoheräntes Gejammer über die Zwecklosigkeit möchtegernbourgeoiser Existenz

Wenn man bei seinen Streifzügen durchs eigene Leben den Fehler macht, ab und zu nach links und rechts zu schauen, kommt man nicht umhin, irgendwann zu entdecken, dass es da noch eine Welt um einen herum gibt und diese von diesen komischen, unlogischen Viechern bevölkert ist - Menschen.

Diese Spezies brüstet (brüskiert?) sich gerne damit, im Gegensatz zu allen anderen Lebensformen auf diesem Planeten ein weitentwickeltes Hirn zu besitzen, das zu abstrakten Gedanken fähig ist. Und diese Eigenschaft wird so gerne als Vorteil hingestellt, dass ganz nebenbei ein kleines Implementationsdetail wegfällt - "abstrakt" muß nicht wirklich etwas mit der uns umgebenden Realität zu tun haben.

Eine der Königsdisziplinen im abstrakt-an-jeglichem-Sinn-Vorbeidenken hat vor allem in diesem Land seit Jahrhunderten große Verbreitung gefunden: das Spießbürgertum. Gegründet von drei Autisten irgendwann zur Renaissancezeit hat diese Gesinnung über die Jahre mehr und mehr Anhänger bekommen und wird - entgegen ihrem ursprünglichen Zweck - heutzutage nicht mehr zur Kompensation eines mentalen Defekt benutzt, sondern ist zu quasi DEM Ausdruck der Denkfaulheit geworden. Aus Angst davor, sein Hirn durch z.B. Sinneseindrücke zu überlassen, umgibt sich der bourgeoise Mensch mit einer geradezu ins groteske übersteigerten Ordnung. So kann er sich im Glauben wähnen, seine Umwelt besiegt zu haben und tauscht die stetige Angst vor Überforderung seines nicht gerade großen Geistes gegen die wesentlich angenehmere Angst, dieser Ordnung könnte etwas passieren (denn für solche Probleme hat man ja Poli-zisten, -tessen und -tiker).

So weit, so gut. So lange dieses Syndrom nur eine Handvoll neureicher Vorstadtbewohner betraf, die man im Ernstfall eh nie zu Gesicht bekommen würde, war es noch auszuhalten. Gutbürgerliche Gegenden waren quasi die selbstgegründeten geschlossenen Anstalten der Postmoderne, eingehüllt in die Aura des besseren, nur zu durchschauen von denen, die zu wirklichen eigenen Gedanken fähig sind. Problematisch wurde es allerdings, als durch den immer stärker werdenden Einfluss der Medien auch die mittleren und unteren Bevölkerungsschichten mehr und mehr Spaß am Spiel "Hirn aus, Spießbürger an" fanden.

Sehen wir uns zum Beispiel dieses Bild an, das ich ab und zu auf meinem Weg mit meinen eigenen Augen ansehen muß:

Diesem Vorgarten würde ich gerne den Titel "Hässlichster Vorgarten der Welt" verleihen, hegte ich nicht die leise Befürchtung, dass es noch viel, viel schlimmer geht. Davon abgesehen ist er natürlich definitiv häßlich. Er besteht aus einer ca. 30m² großen Rasenfläche, einem selbst im Sommer nie gepflegten Beet und einem Baum. Die Tatsache, daß er nach Nordosten ausgerichtet ist (und damit nie Sonne zu sehen bekommt) und an einer lauten Kopfsteinpflasterstraße liegt, macht ihn auch nicht wirklich einladender. Um es kurz zu fassen: Ich habe dort noch nie einen einzigen Menschen gesehen. Diesen Vorgarten wegzureißen und einen Parkplatz draus zu machen, würde niemand bedauern. Im Gegenteil - die desolate Hamburger Verkehrssituation würde es dem Eigentümer des Grundstücks auf Knien danken.

Nichtsdestotrotz hat irgendein "findiger" Mensch einen hohen, stabilen Metallzaun um dieses nutzlose grüngraue Stück Dreck aufgestellt.

Die Frage, die sich mir wirklich jedes Mal aufdrängt, da ich an diesem Grundstück vorbei laufe, lautet schlicht und einfach "warum?".

Soll dieser Zaun dem Garten etwas abgeschlossenes, gemütliches verleihen (so, wie es echte Spießbürger mit Baumreihen und Holzzäunen probieren) ? Ich hoffe doch mal nicht, immerhin fügt er sich in seiner Ästhetik geradezu nahtlos in den Stilbruch aus trostloser rechteckiger roter Fake-Klinkerwand und trostloser rechteckiger weißer Betonwand ein und perfektioniert sozusagen die abstoßende Wirkung.

Soll dieser Zaun irgendetwas beschützen? Diese Häuserwand sieht nicht viel anders aus als alle anderen Häuserwände an dieser Straße... doch, eine Ecke hässlicher. Es sind keine Mülltonnen draußen, keine Fahrräder (die sind alle VOR dem Zaun) und nicht mal Sprayer lassen sich von so niedlichen Versuchen aufhalten. Und die Grasfläche? Die ist, wie ich schon beschrieb, das sinnloseste Stück Grün von Altona-Nord, und eine nette Parkfläche mit hochgelegten und kultivierten Beeten wäre ein gutes Stück hübscher.

Ich weiß nicht, aber auch nach stundenlangem Nachdenken ist mir kein anderer Grund eingefallen, als daß sich irgendjemand bei der Verwaltungsgesellschaft wohl gedacht haben muss: "Dieser Vorgarten ist jetzt da, und der bleibt jetzt so, ich will mich damit nicht herumscheren. So, Zaun drum" und wohlweislich wußte, daß diese Aktion diesen Vorgarten als solchen wohl restlos entwerten würde. Aber was sind schon etwas Beleidigung für die Augen des Betrachters und die Verschwendung eines Platzes, aus dem man durchaus irgendwie etwas schönes oder praktisches hätte machen können, gegen das beruhigende Gefühl, sich um nichts kümmern zu müssen. Sprachs, rührte 30 Minuten lang monoton seine Kaffeetasse um, nahm sein Eunerpan und brummte sich selbst in den Schlaf.

Dem Beobachter indes blieb nur die Möglichkeit, ein wenig resigniert zu erkennen, daß er sich eine Welt mit Leuten teilen mußte, denen diese Welt völlig egal ist, die Schultern zu zucken, wieder nach vorne auf den (dank der Vierdimensionalität unserer Perzeption) linearen Weg seines Lebens zu blicken und den Mißstand nebenbei ein wenig in der Gegend anzuprangern - als ob das irgendetwas ändern könnte.

Der rechte Winkel ist nun mal der Beweis der geistigen Unzulänglichkeit der Menschheit.

Ein paar hundert Meter weiter bauten die Bewohner eines Mietshauses eine Feuerwehrzufahrt für ihr zweistöckiges Haus, mit dem beruhigenden Gefühl, jetzt nicht nur sicher vor Feuer zu sein, sondern auch besser als all ihre Nachbarn, die in identischen Häusern lebten. Daß ihr Haus dabei nur ganze fünf Meter entfernt von der Straße stand und kein ernstzunehmender Löschzug diese Distanz für ein Problem halten würde, ist in Anbetracht eines so hehren Zieles doch egal, oder?

6.8.2002 - Gedanken zur Nacht

Orange.

Pedantisch gesehen war die Farbe Orange ein verdammt schlechter Tausch für das mannigfaltige Glück, das die Menschheit schon seit zehntausenden von Jahren dadurch erfahren konnte, daß aus irgendeinem Grund da diese Masse von Protonen waren, die seit Jahrmillionen nichts besseres zu tun hatten, als in netten Vierergrüppchen, eine nach der anderen, unbedingt zu Helium fusionieren zu müssen. Kernfusion war eigentlich etwas gutes, aber schon der Anblick eines zigtausend Kilometer entfernten Fusionsreaktors war für ihn ähnlich unangenehm wie die Erfahrung, die vermutlich schon einige Forscher machen mußten, als das Magnetfeld zur Eindämmung plötzlich zusammenbrach und ein kleines Quantum der Energie eines explodierenden Sternes hastig durch das Labor huschte - eine sehr intensive, wenn auch sehr kurze Erfahrung, und keine Chance, sie noch irgendjemandem zu erzählen...

... ihm fiel auf, wie er schon wieder abschweifte. Selbst nachdem über ein Jahr lang das Angesicht des Todes wieder so weit von ihm abgerückt war wie damals, als er eine Polizistenkarriere noch für unglaublich spannend hielt, konnte er sich nicht von den Körpern und Gesichtern verbrennender Menschen lösen, die ihn noch immer Nacht für Nacht heimsuchten, ihn anschrien, ihm unglaubliche, dämonische Fratzen offenbarten, kurz bevor sie in sich zusammenfielen und wieder in dieselbe Finsternis verschwanden, aus der sie gekommen waren.

Er hoffte schon lange, daß die Tausende von kalten orangen Lichtern um ihn herum ihn vergessen ließen. Daß die kalte Romantik der Industrieanlagen, die verhaltenen Alarmsirenen, wann immer sich einer der gigantischen Ladekräne auf seinen Schienen irgendwohin bewegte, wo er theoretisch jemanden hätte unter sich zerque... nein. Daß der subtile Geruch der Kilometer entfernten Raffinierieanlage ihn selbst dann noch an Vanillepudding erinnerte, als es für ihn schon lange keinen Sinn machte, daß das ruhige Wasser auch seine Seele langsam beruhigte, war ein guter Anhaltspunkt. Doch leider mußte er sich nur umdrehen und von seiner sicheren Position oben auf einem Container ans Ufer sehen, genauer gesagt auf diesen einen versteckten Treppenaufgang, auf dem irgendein recht nett aussehendes Gothicmädel langsam zu sich kam, sich benommen aufrappelte und sehr vorsichtig mit einem leicht debilen Lächeln auf ihren Lippen wieder in Richtung des Eingangs unter dem türkis leuchtenden Fischgerippe tapste, damit sofort wieder all das hochkam, was er in den letzten Monaten krampfhaft zu verdrängen versucht hatte.

Dieses Fischgerippe mit all den Leuten dahinter, dies war nicht mehr seine Welt.

Der Container, auf dem er gerade saß, die Atmosphäre einer Nacht, deren Stille nur von dem kontinuierlichen Summen, Sirren, Scheppern und Rattern der Großen Maschine durchbrochen wurde, in der Stahl und Fleisch Hand in Hand zusammenarbeiteten, die unglaubliche Schwere des gigantischen Flusses unter ihm, die keinen Zweifel offenließ, daß sie einfach alles über ihr verschlingen könnte, wenn ihr der Sinn danach stünde, das Spiel aus Orange mit ein paar gelben und roten glimmernden Sprenkeln, das in einer Nacht wie dieser den ganzen Himmel in ein zumindest für ihn gleißendes Licht tauchte - dies alles war zu seiner Welt geworden. Der bläuliche Schimmer, der von dem kleinen Notebook vor ihm ausging und der in der Dunkelheit um ihn herum sein Gesicht vermutlich noch bleicher erschienen ließ, als es sowieso schon war, verstärkte doch nur die Realität - Dieses bleiche Gesicht war doch schon längst genau so unwirklich wie es einem Zuschauer gerade hätte erscheinen müssen, würde gerade jemand zusehen. Doch es sah niemand zu.

Wieso auch. Den beiden Welten, in denen es Zuschauer gegeben hätte, hatte er doch schon vor langem Lebewohl gesagt. Er lächelte ein wenig, als er sich ins Gedächtnis rief, daß sein momentaner Aufenthaltsort eigentlich einen Hochsicherheitsbereich darstellte, und er im Fall, daß er entdeckt werden würde, vermutlich entweder einiges oder gar nichts zu erklären hätte, bevor man sich ihm entledigte. Oder aber es war wie immer - er hatte einen großen unsichtbaren "harmlos"-Stempel oder von mir aus das dunkle Äquivalent dazu auf der Stirn, und alle außer ihm selbst konnten ihn sehen und ignorierten ihn. Das wäre zumindest die Erklärung dafür, warum sie alle trotz ihrer so oftmals selbst proklamierten Großartigkeit keine Notiz von ihm nahmen, was er auch tat.

Andererseits... es ging hier immerhin um Leute, die seit Jahrhunderten so sehr nur noch damit beschäftigt waren, ein nur aus gut gewählten Worten bestehendes Rezept für Kokain zu finden, daß sie nebenbei verpaßten, daß Andrew Lloyd Webber trotz seiner stetigen Bemühungen nicht die Spitze kontemporärer Kompositionskunst darstellte. Aber vermutlich ging es gar um seine Fähigkeiten. Der wahre Grund war wohl, daß Webbers Musik perfekt darin ist, Gewohnheiten zu bedienen; leicht verdauliche Kost für diejenigen zu bieten, die schon zu Lebzeiten sich nie etwas getraut haben, immer vorgetrampelte aber sicher zum Erfolg führende Pfade gegangen sind und jetzt, wo es oben an wirklicher Kompetenz mangelt, die Elite für sich beanspruchen.

Pack. Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger hatte er für diese.. wie war das deutsche Wort für hypocritical nochmal... ach, egal. Dieser Abend vor einem Jahr, der eigentlich seine "Sternstunde" hätte gewesen sein sollen und für genug andere eventuell auch war, dieser Abend hat ihm einfach nur noch mehr gezeigt, daß diese Gesellschaft nicht seine war. Die paar wirklichen Talente, die dort herumliefen, waren deutlich sichtbar in fester Hand der Sozietätskokser, ihre Kreativität war entweder von oben gesteuert oder aber drehte sich alleine um ihr seelisches Gefängnis. Bedauernswerte Kreaturen - und er war einer von ihnen. Nicht mal in der Kunst waren wir frei.

"Wir."

Wir. We. Nous. Ein kleines Wort, das eigentlich zum Sprachschatz eines jeden Menschen gehören sollte, an das er aber seit Ewigkeiten nicht mehr gedacht hatte. Ein Wort, das sich in ihm festsetzte, bohrte und Erinnerungen aufsteigen ließ. Er ließ das rhythmische Stampfen des Dieselmotors das rhythmische Stampfen eines Dieselmotors sein, steckte das kleine Kondensatormikrofon in die Tasche, klappte das Notebook zu, lehnte sich zurück und beobachtete die kleine orange strahlende Wolke über ihm. Und nachdem er sich genug daran erinnert hatte, daß er diese neue Welt damals mit einem Wir-Gefühl betrat, bis der Hauptteil des Rest des Wirs sich entschloß, statt ihren Idealen zu folgen lieber Anerkennung nasal einzuführen, sah er Gesichter vor sich. Junge, hoffnungsvolle Gesichter, voller Ideen und doch in goldenen oder eisernen Käfigen. Ein Potential, das dazu imstande wäre, stärker zu sein als jede Festgefahrenheit der Welt, das so vielen Leuten ins Gesicht schreien könnte, daß man für Autorität immer zwei braucht.

Er klappte das Notebook wieder auf, fand einen WaveLAN-Accesspoint in einer nahen Kanalisation und schickte die Worte "Ich bin wieder da" einfach mal an "*". Die Jungs würden damit schon was anzufangen wissen.

Aus irgendeinem Grund verspürte er Hunger nach totem Fisch.

(np: Covenant - Call The Ships To Port)

8.4.2002 - "Halbgötter in Babyblau"

Eine Woche ist vergangen, und ganz langsam fange ich an, mich von der diesjährigen Mekka & Symposium zu erholen. Die hitzigen Diskussionen sind erst mal vorbei, die pouet.net - Datenbank gefüllt, das übliche Bashing gegen alle rausgekommenen Produktionen klingt langsam ab - man beruhigt sich, und alle haben wieder Lust, was zu machen.

(np: Die "offizielle" M&S-MP3-Compo-CD, die noch zufällig in meinem Laufwerk lag. Und Virgill, Freundin singen lassen ist keine allzu gute Idee, sie kanns zwar echt gut, aber ein wenig Ausdruck hätte ich mir gewünscht ;)

"Was zu machen". Das bringt mich zum Thema. Wir hatten diesmal 49 Demos in unserem Composystem. 36 davon haben wir schließlich gezeigt - und wir konnten abgesehen vom ersten Demo (Linux) alle Demos ohne einen einzigen Reboot hintereinander laufen lassen. Und da sag bitte noch mal einer, die Szene sei tot. Hallo. Aufwachen. Wir hatte die wohl mit meisten Entries, die es je in einer PC-Democompo gegeben hat - und es war fast kein Trash dabei. Im Gegenteil, wir hatten wirklich Probleme, irgendetwas zu finden, das man ohne große Gewissensbisse aus der Compo hätte entfernen können. Die Amiga-Demos waren allesamt sehr geil (relativ gesehen definitiv besser als die PC-Releases, und absolut gesehen... an Planet Potion komme bitte erst einmal etwas heran), und die C64-Releases... naja, äh, sie gehören irgendwo noch dazu, oder?

Isauchegal. Das Problem, das wir jetzt hatten, war: Wir freundlichen Leute im himmelblauen Orgashirt waren ziemlich, äh, überrascht von der Anzahl der Entries. Um nicht zu sagen: Es hat uns verdammt umgehauen. Und ein wenig in Panik versetzt, denn ehrlich gesagt paßte eine solche Anzahl mitnichten in unsere Planung. Und es wäre ja nicht so, daß wir drei Tage auf die PC-Demo-Deadline warten, um uns dann alle auf diese Compo zu stürzen - nein, wir hatten auch noch nebenbei alle Hände voll zu tun.

Wie das jetzt alles abgelaufen ist, zitier ich einfach mal von mir selbst (nachzulesen im Gästebuch unserer Seite, http://ms.demo.org):

... also: Das mit den 50 Entries hat uns verdammt überrascht. 30-35 wären kein Problem gewesen, das war auch so unsere Schätzung (Besucherzahlen, Verhältnisse, Erfahrungen aus den letzten Jahren, bla). Aber anfangs 49 Entries? Aua. Ja, wir waren beschissen überfordert und planlos.

Dazu muß man auch noch sagen, daß wir zwar ein Team von >40 Leuten sind, aber trotzdem eigentlich die ganze Zeit alle Hände voll zu tun haben. Die 2-4 Leute, die z.B. immer im Compo/Beamraum waren, konnten verdammt froh sein, wenn sie mal auf ne Currywurst rausdurften. Ich selbst hab meinen Plan, aufs Klo zu gehen, stundenlang mehrmals umgeworfen, weil immer irgendwas war. Und so gings uns allen. Unterschätzt bitte nicht, was es heißt, eine Party in der Größe mit so vielen Compos und -Entries am Laufen zu halten.

Klar wußten wir schon kurz nach 14:00, was da auf uns zukam, aber es war immer noch die 32k-Game-Compo zu machen (die von allen Compos fast am aufwendigsten ist, weil wir Tonnen von verschiedenen Rechnern und Leuten brauchen), die Amiga/Atari-Democompo stand noch aus, die bereits getapeten Compos mußten noch gezeigt werden, etc pp.

Also... Zeit? Hatten wir nicht. Keine Chance, irgendetwas vorzuverlegen. Demos ungetestet zeigen? Keine gute Idee. Leute? Woher nehmen - und außderdem solltet ihr bei unserem Live-Videobroadcast aus dem Beamraum gesehen haben, wie viele Leute sich da im Normalbetrieb schon stapeln.

Das einzige, was wir tun konnten, war erst einmal, alle Demos so schnell wie möglich durchzusehen. Das ist mit zwei Rechnern parallel geschehen und hat trotzdem drei Stunden gedauert. Die Leute, deren Demos nicht liefen, haben wir auch so schnell es ging ausgerufen - nur daß sie teilweise erst viel zu spät kamen, weil sie halt draußen am Feuer lagen und keine Sau es für nötig gehalten hat, sie mal zu informieren.

So 21:00 rum wußten wir dann halt, wie die Situation war und konnten es announcen. Kurz darauf tröpfelten die ersten Meldungen über gecancelte Entries rein, und ein gewisser Teil unserer Zeit ging dafür flöten, die Leute, die ihre guten Entries "ungerechtfertigt" zurückziehen wollten, dazu zu animieren, sie doch noch zu zeigen.

Währenddessen - die große Diskussion, was wir nun tun sollten. Diejenigen, die meinen, man könnte einfach alle Entries random zeigen, sollen das bei nunmehr 43 Demos doch einfach mal versuchen. Oder sich zuhause einfach mal 43 Demos downloaden und ansehen, und sich dann noch an irgendwas erinnern oder einfach NICHT einschlafen. Andere Lösung - eine harte Preselection, die einfach alle nicht-so-guten Demos gekillt hätte. DANN hätte es einen RIESIGEN Aufstand gegeben, weil natürlich wir nur eine subjektive Auffassung von "nicht so gut" haben, und jeder, der glaubt, da "besser" zu sein, von mir mal ein aufrichtiges Lachen in die Fresse haben kann. Sorry. Ich hab das damals auch gedacht, als meine Stücke ab und an durch die Musik-Presel flogen, und wurde geheilt, als ich auf der MS zweimal u.a. für genau diese Preselection zuständig war

Konklusion: Wir KONNTEN es nur falsch machen. Jetzt hieß es halt Schaden minimieren

Schaden minimieren hieß in dem Fall: Eine Lösung finden, bei der effektiv die wenigsten Leute beleidigt sind. Egal was wir machten - irgendwer würde immer angepißt sein, jetzt kam es nur darauf an, daß es nicht der Großteil unserer Besucher war.

Deswegen die Zweiteilung in "gut" und "nicht so gut". Natürlich ist auch das ungerecht. Natürlich war es ein Fehler, dann noch Entries trotzdem zu preselecten (und justfortherecord: ich war eigentlich dafür, alle zu zeigen, aber ich hatte das nicht in der Hand. Ryg und Gizmo haben da die Kompetenzen auf sich geladen, und bei der zeitweilig gestreßten Stimmung hätte es vermutlich Tote gegeben, hätte jemand versucht, da noch großartig reinzufunken). Natürlich war es ein Fehler, daß Steeler etwas von "eigentlich könnt ihr da auch schlafen" erwähnte oder Halfbyte das "if you dare..." auf den Screen schrieb. Aber verdammt, wir machen Fehler. Ja. Und wir waren alle ziemlich durch. Die wenigsten von uns haben sinnvoll geschlafen, einige von uns gar nicht, und wir hatten schon mehr als sechs Stunden persönliche PC-Demo-Compo und ganz nebenbei mehr als 80 Stunden Dauerorganizing hinter uns. Wer unter den Umständen nicht irgendwann eine etwas sarkastische egal-Haltung und ein wenig Mangel an Einfühlungsvermögen zeigt, der werfe bitte den ersten Stein.

Das als kurzer Einblick in das Chaos, das hinter den Kulissen die ganze Zeit abging. Und ich hab noch nicht mal die 100 anderen Dinge erwähnt, die wir verrafft, vergessen, falsch gemacht oder so gemacht haben, daß keiner das gemerkt hat.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Ach ja... "Halbgötter in Babyblau". Den obigen Guestbook-Kommentar hab ich (ausnahmsweise mal in der Absicht zu deeskalieren und nicht einfach dagegenzupissen) auf diverse erboste Kommentare von Leuten, die dann doch durch unsere halbherzige Presel geflogen sind, und deren Freunde geantwortet. Diese ganzen Kommentare hatten eine Sache gemeinsam: Wir Haufen von 40 Leuten, die uns Jahr für Jahr für diese Party den Arsch und die Fußknöchel aufreißen, wurden die ganze zeit ziemlich unpersönlich als "Die Orga" bezeichnet, und zwar in einer Weise, die irgenwie besagt: Wir sind keine Szener wir die anderen, sondern irgendwie was anderes. Mystisch, gefährlich, anonym und perfekt. Und die ganze Kritik ging sehr dagegen, daß wir wohl deutlich haben raushängen lassen, daß es mit unserer Perfektion nicht so weit her ist.

Und die sind nicht die einzigen. Ich kann nicht einfach mal durch die Halle schlendern, ohne daß es Leute gibt, die schnell ihre Vodkaflaschen oder Joints vor mir verstecken müssen. Ich will auch gar nicht wissen, wie viele Leute, die sich über patroullierende Security beschwerten, aus Versehen auf irgendeinen von uns, der einfach mal ein wenig herumlatschen wollte, reingefallen sind. Andererseits ist das auch lustig, aber egal :)

In diesem Moment höre ich ein paar Leute, die so etwa sagen wie "oh, er halt die alte Uniformen-Problematik" erkannt. Aber keine Ahnung - ich dachte eigentlich, daß zumindest in unserer kleinen Szene das anders sein sollte. Klar, unter den Leuten, die man kennt, ist das auch so, aber irgendwie... also es stört mich. Wir machen doch an sich auch nicht mehr, als unserer Szene eine Location und genug Currywurst zum Treffen bereitzustellen. Und die Competitions en wenig zu koordinieren. Und trotzdem gibts irgendwo wieder diese Leute, die angesichts der Größe der M&S "Kommerz" schreien, und 90% des Orgateams keine Verbindung zur Szene attestieren.

Ich geb zu, genug von uns sind keine fleißigen CSIPD, Pouet- oder sonstwo-Poster. Wir haben genug Leute, die so 92-96 rum mal aktiv waren und mit dem Wechsel des Amiga in den endgültigen Untergrund ihr Leben als produzierender Szener aufgegeben haben. Ja verdammt, ich weiß immer noch nicht, was Malte (Hardball, Mainorga) damals in Amable eigentlich sollte. Und trotzdem wissen wir alle, was wir da machen, und stehen da auch mit voller Überzeugung hinter.

Ihr alle dort draußen, die Ihr Euch angesprochen fühlt, die Ihr Partyorgas irgendwie eher als Orgas als als Menschen seht - sollte es noch eine MS geben, seht mal nach hinten/oben in den Orgaraum, und seht mal an dem geschäftigen Gewusel vorbei - dann werdet Ihr immer jemanden finden, der gerade vor der großen Scheibe steht und einfach in die Halle sieht. Und wenn ihr genau hinseht, seht Ihr eventuell das Leuchten in seinen Augen, das sagt: "Ich darf mithelfen, so etwas großartiges durchzuziehen". Und ich kenne keinen im Team, der nicht so denkt.

DENKT also dein wenig mehr nach, bevor Ihr Euch darüber beschwert, daß "die Organizer" wieder alles verraft haben, daß sie nicht auf Eure Mails antworten (also eigentlich haben wir Namen), oder daß die böse Seku Euch wieder die Tüte abgenommen hat. Wir sind auch nur Menschen, wir machen Fehler, und wir machen diese ganze Party für Euch. Und ein wenig für unser Ego. Aber hauptsächlich für Euch.

Und nächstes Mal wissen wir auch mit 50 PC-Demos umzugehen. Und Ihr überlegt Euch einfach vorher, was ihr warum releast. Und alles wird gut.

Ja, alles wird gut. e Nacht.

26.03.2002

Manchmal habe ich das Gefühl, "wir" Schwarzen sind eigentlich nur die ganze Zeit dabei, einer Ästhetik hinterherzurennen, der wir selbst niemals genügen können.

Wenn Ihr Euch mal Ecki Stiegs Essay "Der Kunde ist König" (www.grenzwellen.com) bzw. genauer die Forumsbeiträge durchlest, werdet Ihr über den Archetyp "Der Knippser" stolpern. Kurzbeschreibung: Der Knippser ist die typische Person auf schwarzen Veranstaltungen, der/die die ganze Zeit mit der Digicam durch die Location rennt und alles fotografiert, was ihm vor die Linse kommt ... "um die Stimmung einzufangen".

Was macht diese Person so lächerlich, wie sie in diesem Forumsbeitrag beschrieben wird? Eigentlich doch nur die völlige Zwecklosigkeit des Unterfangens, "die Stimmung einzufangen". Gestehen wir es uns doch ein - also zumindest ich hab auf meiner ewigen Suche nach möglichst gruftigen Fotos auf den unzähligen Partyschnappschüssen von irgendwem in sonstwo bisher noch keine Stimmung gefunden. Nicht diese Ästhetik, nach der ich gesucht habe, nicht das Gefühl, das ich damals bei meinen ersten Begegnungen mit der schwarzen Szene verspürt habe.

Denn eigentlich ist dieses Gefühl ansonsten peinlich. Wir empfinden es, wenn wir auf irgendwelchen Parties rumlaufen und all die liebevoll geschminkten Gesichter und halbnackte Frauenkörper bewundern, evtl sogar eine dieser Personen sind. Wenn man seine Clique kennt und ansonsten das lustige Arrogant-Dahersehen- und Sehen-und-gesehen-werden-Spiel eiskalt durchzieht, obwohl man ja eigentlich ganz gerne mal mit Leuten reden würde.

Das Problem ist nur: Mit einer dieser ernst-arroganten Gothic-Schönheiten zu reden, ist der beste und schnellste Weg, eben diese Person zu entmystifizieren. Man merkt, daß das Gegenüber auch nur ein Mensch, und meist ein verdammt netter dazu ist, man freut sich über das Gespräch, darüber, Bekanntschaft geschlossen zu haben...

... und eine Woche später ist man mit den selben Personen in der selben Disco und merkt: Der Zauber ist dahin. Aus stiller Bewunderung oder Spannerei ist "ach ja, das ist XXXX" geworden. Man hat eine nette Bekannte oder gute Freundin oder potentielles Sexobjekt mehr, aber die "Stimmung", ja, die muß man sich ab sofort woanders suchen.

"Woanders", das ist spätestens, wenn man sie alle kennt, dann dieser Abend, an dem man zum dreißigsten Mal "Bram Stoker's Dracula", "The Crow", "Blade" oder "Interview mit einem Vampir" in den Videorekorder oder DVD-Player legt, und für ein paar Minuten in dieser Ästhetik schwelgt, die ja schließlich der Grund für einen ist, schwarz zu sein.

Die Realität ist jedoch nicht so ganz das große Himmelbett aus Dracula - es gibt keinen Himmel über und keine drei nackten Vampirinnen im eigenen Bett; dieses eigene Bett steht auch leider in der eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung und nicht in Frosts Penthouse mit den ganzen willigen Vampirschnitten und dem Swimmingpool. Wenn der "Confusion"-Remix läuft, sucht man vergeblich nach der Sprinkleranlage über der Tanzfläche und dem daraus folgenden bloody-red-wet-tshirt-contest - und verdammt noch mal, der kleine rumhüpfende DJ mit Zylinder und Augenklappe ist NICHT Tom Cruise.

Was bleibt? Seine Liebe zur Androgynität mit dem Narzismus kombinieren, selbst in die Rolle eines dieser Filmcharaktere schlüpfen, und den Rest erledigt die Phantasie, ein Spiegel und die rechte Hand? Bestenfalls nett, aber nicht wirklich erfüllend auf Dauer. Irgendwann schlägt die Einsamkeit eh durch, man geht wieder raus, sucht sich nötigerweise etwas anderes für die Befriedigung, und während der Körper endlich mal zu seinem Recht kommt, merken Gehirn und Seele: Danke, irgendwie sieht keine Frau nackt mehr besonders goth aus.

Also Fotos. Viiiele Fotos. GUTE Fotos. Authentisch und fängt die Stimmung ein. Genau. Bis zu der Erkenntnis, daß irgendwie alle "stimmungsvollen" Fotos 100% gestellt sind. Daß alle gutaussehenden Menschen auf der xten goth-babe-of-the-week- oder goth-or-not-Seite irgendwie eine URL ala "http://www.gruftmagazin.com/art/hotbabe5.jpg" haben (URL ist ausgedacht, hört auf zu sabbern) oder aus Fetischkalendern gescannt sind. Daß auf allen Schnappschüssen und Partyfotos einfach nur Menschen sind, die die Stimmung genießen, aber irgendwie nicht so aussehen, als würden sie irgendwie zu dieser Stimmung beitragen.

So what, wir haben immer noch uns, den Spiegel und jede Menge Parties mit Gleichgesinnten. So eine kollektive Illusion ist doch was schönes, oder?

Ich mag Euch trotzdem alle,

26.03.2002

Heuchelei bzw. Inkonsequenz in der Gesellschaft macht Spaß.

Thema: Benefizkonzerte. Irgendwo vor ein paar Tagen sprang mir ein Plakat ins Auge, das für eine Konzertveranstaltung irgendsoeiner asiatischen Pianistin zugunsten von Obdachlosen warb.

Spontan überlegt ich mir, was passieren würde, wenn ein Obdachloser einfach mal auf die Idee kommen würde, sich dieses Konzert ansehen zu wollen. Hätte er/sie auch nur die geringste Chance? Nein.

Klar, rein logisch könnte man sagen: Das eingenommene Geld wird auf die Obdachlosen verteilt, und wird demzufolge pro Kopf geringer ausfallen als der Eintrittspreis. Die Kosten, die durch das kostenlose Hereinlassen einer Person bestehen, sind also höher als das Geld, das unserem armen Kulturinteressierten zustehen würde.

Schließlich hat er auch ja nicht mehr verdient, das Arschloch. Und nachher noch reinlassen, wenn eh keine Besucher mehr kommen? Das geht ja wohl gar nicht. Immerhin geht es hier um Kultur und man hat natürlich schon einen gewissen Anspruch ans Publikum. Und das würde man sich ja außerdem verscheuchen, wenn da so ein dreckiger, stinkender Obdachloser mitten zwischen den feinen Herrschaften sitzen würde.

Andererseits - stimmt irgendwo. Besagt feine Herrschaften würden sich vermutlich im Angesicht eines Obdachlosen SEHR schnell zweimal überlegen, ob sie wirklich DAFÜR spenden wollten. Und vermutlich mit "nein" stimmen. Also es sei denn, mit dem Geld würden irgendwie Heime oder so gebaut. Hauptsache weit weg.

Ich weiß nicht - ich hätte irgendwann mal Lust, nen paar Wochen nicht zu duschen, um dann in äußerst zerlumpten Klamotten bei einem solchen Konzert anzukommen, mich 3-4 mal rausschmeißen zu lassen, nur um dann einfach die Karte zu bezahlen und mich den ganzen Abend anstarren zu lassen. Andererseits könnte ich das Geld auch einfach einer der vielen Reeperbahn-Randexistenzen in die Hand drücken, damit wäre vermutlich allen mehr geholfen. Don't know.

Ich weiß, das hatte hier alles keinen Sinn, aber das sind so Dinge, die mich spontan dazu motivieren, gegen Litfaßsäulen kotzen zu wollen. Mußte raus. Bei akutem Unverständnis bitte evtl. mal Ironieerkennung aktivieren.