Als einer von vielen ehrenamtlichen Helfern am Sonntag wird ich einfach mal die ganze Geschichte völlig subjektiv aus meiner eigenen Position heraus so weit es geht aufklären. Mein Name ist Tammo Hinrichs, ich war auf dem WGT als „normaler" Besucher und Aushilfskeyboarder bei The Escape, falls ihr "Überall nur Dixi-Klos" kennt, ich wars (und NEIN, ich kopiere es euch NICHT. Es REICHT).
Ich werde hier NICHT auf irgendwelche Gerüchte eingehen, welche Organisatoren sich nun mit wie viel Geld in welches Land abgesetzt haben, wie viele Leute vom Blitz erschlagen wurden, ob Helga wieder aufgetaucht ist und ob die nach letzten Zählungen 2000 Glatzen jetzt leichten Fußes nach Scheessel unterwegs sind, um das Hurricane aufzumischen, wenn sie schon das Agra-Gelände ned gefunden haben - all das ist zu 99% pure Phantasie und Euer komplettes Diskutiere über all diese Themen ist nix als Kinderkacke. Sorry.
Bzw... ein Wort doch zu den Vorwürfen, die Organisatoren hätten Nazis als Security genommen: Es mag sein, daß einige oder auch genug der anwesenden Security-Leute rechts gesinnt waren - das tut aber nichts zur Sache. Für eine solche Veranstaltung BRAUCHT man Security-Kräfte - und so unfreundlich diese ab und zu waren - he, verdammt, es ist ihr Job. Sie werden dafür bezahlt, keinen reinzulassen, der nicht dasunddas Band oder so trägt - und sie können auch verdammt noch mal nicht über jede Kleinigkeit informiert sein. Ich selbst mußte das erfahren, der ich trotz diverser verschiedenfarbiger Marken um den Hals ab und zu länger diskutieren mußte, um z.B. einen Keyboardkoffer durch eine Tür zu bugsieren, die offiziell ein Ausgang statt eines Eingangs war - aber ich werde das den Sekus nicht nachtragen. Nazis und Arschlöcher hin oder auch her - die Jungs haben ganz einfach das getan, was ihnen aufgetragen und wofür sie bezahlt (oder auch nicht) wurden.
... und noch eben zur Klärung: Der Internet Relay Chat (IRC)-Channel #zillo (in dem ich andauernd mal chatte) und der Channel #gothic.cafe war mit ca. 130 Leuten auf dem Zeltplatz I anwesend. Einige erinnern sich vielleicht noch, daß wir sie von unserem abgesteckten Areal vertrieben haben, noch mal ein großes Sorry, wir hätten auch gewünscht, daß das besser abläuft.
Es fing also am Samstag Abend an, als wir wie viele andere auch in Richtung Völkerschlachtdenkmal gepilgert sind, um uns And One anzusehen - und erfahren durften, daß sie nicht spielten, weil sie keine Gage gekriegt hätten. Keine näheren Erklärungen, nur das Versprechen, Geld für Wolfsheim aufzutreiben. Dazu kamen dann Gerüchte, daß die Techniker in den AGRA-Hallen in den Streik getreten seien, daß das komplette Agra-Gelände keinen Strom mehr besitze, etc. Großes Chaos also, keiner wußte, was abging, großes Lob noch mal sowohl an den Moderator als auch an die Leute, weil halt ausnahmsweise mal NICHT der wütende Mob sich auf die Leute da gestürzt haben, die selber weder Ahnung noch Schuld trugen. Wir gingen dann wieder rüber zu Halle 16, wo immerhin noch alles (wenn auch verspätet) lief und VNV Nation eins der coolsten Konzerte ihrer Laufbahn hinlegten.
Es wurde Sonntag, man (d.h. ich) wachte ein wenig verkatert auf, fragte sich beim Duschgang, wo denn die Security hin sei, duschte, kam zurück, hörte Gerüchte darüber, daß das Festival komplett pleite und abgeblasen worden sei - und fand sich allerdings doch um 12:00 beim Völkerschlachtdenkmal ein für den The Escape-Soundcheck.
Was ich dort sah, war eine Bühne voller Leute, die selbige gerade demontierten, ein wenig Müll und ein paar ratlose Bandmitglieder und Stagemanager, die selber völlig überrascht über das waren, was hier am Laufen war. Flugs also hinüber ins Hotel Renaissance zum Rest der Band. Im Foyer saßen zig noch ratlosere Leute, denen gerade erzählt worden war, daß sie entweder für den Rest des Aufenthalts bezahlen oder das Hotel verlassen durften. Noch größeres Chaos also. Immerhin konnten wir erfahren, daß das WGT seit 2:00 nachts offiziell pleite und damit abgebrochen war, und daß fast alle bezahlten Kräfte (also die, die bezahlt hätten werden sollen) und ein Großteil der Organisation inzwischen das Feld geräumt hätten.
Was wir allerdings noch erfuhren, war, das zumindest die Anlage im Agra-Gelände und die Messehalle 16 noch stünden und man dort eventuell noch etwas machen könnte. So faßten sich also Thomas Rainer (Komponist, Sänger und Texter von L’Âme Immortelle), deren Manager Tony und Andre Springer (Manager von The Escape und einer der letzten zwei Produktionsleiter, die noch nicht abgereist waren) ein Herz und fingen an, bei allen noch anwesenden Bands herumzufragen, ob sie denn ohne Gage spielen würden. Die Resonanz war erfreulich hoch, der Grundtenor bei den Künstlern war definitiv etwas wie "he, wir sind hier, unser Equipment ist hier, jetzt nicht zu spielen wäre völlig sinnlos" - und der Wille, dieses Festival noch so gut zu retten, wie es ging, war definitiv da.
Wir wußten, daß noch eine Handvoll Techniker und ca. 20 Security-Leute bei der Agra-Halle 2 waren - das reichte aber beileibe nicht aus, um die Sache durchzuziehen. Ich wußte allerdings, daß wir mit unseren zwei IRC-Channels eine Truppe hatten, die motiviert und enthusiastisch war - und die vor allem sich fast alle gegenseitig kannten und ab und zu auch mochten. Zwei Handyanrufe später hatten wir also eine Mannschaft von über 50 hochmotivierten Leuten, die gerne Security und Helfer übernehmen wollten. Eine Stunde später kamen wir auch mit den ersten paar Bands an, unsere neue Seku hatte sich auch schon vollzählig beim Produktionsbüro angemeldet (die keine Ahnung von alledem hatten und dementsprechend verdutzt aus der Wäsche sahen) - die Party konnte also steigen. Und was ab da ablief, war zumindest meiner Meinung nach einfach nur traumhaft. Alle Beteiligten, seien es die Bands, die unter der Leitung (Leidung?) von Thomas "wo kriegt der Mann die Energie her?" Rainer sich schnell untereinander verstädigten und in Minutenschnelle eine erste Setlist (die noch desöfteren geändert werden sollte) erstellten, seien es die Techniker und professionellen Security-Leute, die sich ziemlich schnell darauf einstellten, daß ab jetzt komplette Anarchie herrschte, seien es all die Besucher, die voll von Verständnis waren und bereitwillig mithalfen, als wir noch Techniker u.a. suchten, seien es die #zillo- und #gothic.cafe-Leute, die von Anfang an sagten "ja, wir sind dabei, egal, was wir dadurch verpassen" - alle diese Leute zogen an einem Strang, und der hieß: Diesen Sonntag zum genialsten Konzertabend machen, den das WGT jemals gesehen hat.
Und drei Stunden später war es dann soweit. Alle Posten waren besetzt, die Anlage lief, wir mußten schon wieder genug Bands traurig von dannen schicken, weil wir einfach keine Zeit für alle hatten (trotzdem ein großes, großes Danke), und die Leute draußen waren zumindest teilweise informiert, daß es weiterging.
Natürlich gab es auch jede Menge Streß. Eine von wem auch immer eingesetzte Not-Orga nahm sich das Recht heraus, Bands aus der Setlist zu streichen und dafür andere hereinzunehmen, die Gerüchte über faschistische Aufmärsche machten uns durchaus ein wenig angst, wir alle waren angespannt bis zum Zerreißen, einige Bands, die wir wegschicken mußten - und einige ihrer Fans - reagierten dann doch ein wenig ungehalten... aber das allgemeine Gelächter im kompletten Backstagebereich, als wieder einmal jemand in den Raum kam und fragte „Wer ist denn hier zuständig?", machte alles wieder wett. Anarchie funktioniert. Zumindest für einen Abend.
Und vor allem die teilweise umwerfende Performance und die Stimmung sowohl unter den Künstlern als auch unter den Besuchern machte alles wieder wett. Die Bands waren gut gelaunt wie wohl selten, alle gaben das beste, das sie aus dieser Situation ziehen konnten, unsere improvisierte Security hatte absolut keine Probleme, nein, im Gegenteil, andauernd fragten Leute, ob sie denn noch mithelfen könnten - an diesem Abend hat die schwarze Szene trotz aller Verarschungen der Organisation bewiesen, daß doch ein Zusammenhalt herrscht. Niemand hat versucht, irgendetwas zu sabotieren, nein, sowohl in als auch außerhalb der Halle und der Zelte, in denen noch was lief, überall war Fröhlichkeit (von Verzweiflung und Tod keine Spur, quasi). Und das Engagement aller Helfer, die z.B. alleine auf die Idee kamen, in dieser viel zu heißen Halle Wasser zu verteilen und durch die Gegend zu spritzen, war einfach unglaublich.
Und das war das, was zumindest für mich trotz aller Arschaufreißerei dieses WGT zum wohl besten seit Jahren gemacht hat. Allen denjenigen, die (verständlicherweise) vorher abgereist sind und die nicht erlebt haben, was auf dem Agra-Gelände und in der Messehalle 16 für eine Stimmung herrschte, kann ich nur sagen: "Schade, ihr habt was verpaßt". Und all diesen gehirnamputierten Spinnern, die wie immer jetzt die Guestbooks und Mailinglisten dieser Welt bevölkern, kann ich wie immer nur sagen: Grabt Euch ein Loch und vergrabt Euch und denkt nach, ob ihr nicht was sinnvolles zu sagen habt. Euer ganzes Geschwafel über "FUCK DEN KOMMERZ" oder "NAZIS, VERRECKT" oder was auch immer ist nicht nur überflüssig, nein, ihr tretet auch alle die Leute mit Füßen, die mit all ihrer Hingabe und Kraft probiert haben, doch noch etwas Positives aus der Katastrophe zu ziehen. Ihr Vollidioten prangert mit einem Atemzug an, daß die Presse nur negativ über Eure (HA HA) Szene berichte, und lamentiert selber über all das negative, ohne auch nur mit einem Wort das zu erwähnen, das die WGT oder die schwarze Szene oder was auch immer so genial machte: Daß es wohl keine andere Szene gibt, die das alles so friedlich und mit einem solchen Zusammenhalt durchgestanden hat. Ich will nicht wissen, was bei einem reinen Metal- oder Techno- oder was auch immer-Festival in dem Moment losgewesen wäre. Eventuell wäre da Leipzig in Schutt und Asche gelegt worden. Aber es ist es nicht. Und DAS sollten wir neben diesem genialen Sonntag abend in Erinnerung behalten, nicht irgendwelche glatzköpfigen "Nazi"-Securitymenschen (so viel übrigens zum Thema nur auf Äußerlichkeiten achten).
Abschließend möchte ich Euch noch allen danken. Danke an all die Firmen, die nicht einfach alles eingerissen haben, sondern uns mit Wort, Tat und Engagement unterstützt haben, danke an die paar übriggebliebenen Rest-Orgas, die noch das Bestreben hatten, dieses Festival zumindest ansatzweise zu retten, statt sich nach Hause zu flüchten, danke an all die Bands, die nicht nur ohne Gage gespielt haben, sondern teilweise besser als mit - und die auch kräftig mitorganisiert haben -, danke an "meine" #zillo-Leute dafür, daß dieser Kindergartenchannel ja doch aus guten Leuten besteht, danke an all die anderen Leute, die uns selbstlos geholfen haben, das durchzuziehen, danke an Katja für den Rest des Abends :) - und danke vor allem an diese schwarze Szene, die mir an dem Abend meinen Glauben ans Grufti-sein gerettet hat. Ihr (und ich wiederhole mich: damit meine ich die Leute, die auf dem WGT mitgefeiert haben und nicht den profilierunggsüchtigen Schwachmatenhaufen aus diversen Foren) seid die beste Szene, die man kriegen kann.
KB, immer noch völlig geplättet